Wie war es damals 1945


Deutschland nach 1945

Damals! Wie war es damals? Diese Frage wird von den Jugendlichen des öfteren an uns, die Zeitzeugen von damals gestellt. Nun, wie war es damals?
Als der Krieg zu Ende war, lag Deutschland in Schutt und Asche. Die deutschen Städte waren zerbombt, tausende und abertausende Zivilisten kamen zu Tode.
An einem Tag flogen über fünfhundert Bomber in Württemberg ein und warfen ihre todbringende Fracht über Heilbronn, Pforzheim, Mannheim und Ludwigshafen. Pforzheim wurde in wenigen Minuten zu eine Ruinenstadt verwandelt. Tagelang brannten die Häuser, tagelang suchte man nach Überlebenden in den Trümmerhaufen.
Mai 1945. Östlich von Wittenberg an der Elbe trafen die Amerikaner auf ihren großen sowjetischen Waffenbruder. Stalins Panzer wollte bis an den Rhein kommen. Der vorzeitige Stopp gefiel ihm nicht, er beanspruchte einen größeren Anteil von Deutschland. Nach einer Absprache mit den westlichen Alliierten zogen sich die Amerikaner über die Elbe zurück und überließen den Sowjets den Teil Deutschlands östlich der Elbe. Das war ein großer Fehler, wie sich sehr bald herausstellte und wie die Amerikaner später auch zugaben.
Rauschende Siegesfeiern, Vergewaltigungen und Plünderungen waren in der sowjetischen Zone an der Tagesordnung. Die Sowjets nahmen grausame Rache an Frauen und Kindern. Stalin hatte seinen Soldaten mehrere Tagen die Freiheit gelassen, sich an den deutschen Frauen schadlos zu halten. Nach den bestialischen Vergewaltigungen an hilflosen Frauen und Mädchen, die oft noch Kinder waren, besann sich Stalin wieder auf die Politik. Er stellte an seine Waffenbrüdern Forderungen, die diese zähneknirschend erfüllten: Berlin wurde in vier Teile geteilt, ebenso das übrige Deutschland. Ein Teil den Amerikanern, ein Teil den Engländern, ein Teil den Franzosen und den größten Teil, den beanspruchte Stalin für die Sowjetunion.
Die Bevölkerung im sowjetischen Teil Deutschlands traf es am härtesten. Zu ihnen gehörten auch viele tausend Rußlanddeutsche, die 1943/44 aus Rußland in den Warthegau geflohen waren. Diese Rußlanddeutsche wurden in diesem Jahren dort angesiedelt und eingebürgert. Sie waren somit den Einheimischen gleichgestellt. Sie hatten deutsche Pässe, waren deutsche Staatsbürger und die Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen. Sie wurden meist an der Westfront eingesetzt.
Im Januar 1945, als die Offensive im Osten einsetzte, flohen Millionen von Menschen in großen Trecks vor den russischen Panzern. Die Frauen wußten, was im Oktober 1944 in Nemmersdorf geschehen war. Sie wußten, was ihnen bevorstand falls sie in sowjetische Hände fallen würden. Damals hatte die Rote Armee Flüchtlingstrecks überrollt und niedergemacht, die Frauen vergewaltigt und an Scheunentore genagelt.
Unter den Flüchtenden waren auch die Rußlanddeutschen vorm Warthegau. Für sie bedeutete eine Gefangennahme durch die Sowjets die Verschickung nach Sibirien. Sie mußten unter allen Umständen ins „Altreich“, wie man damals sagte, gelangen.
Um den Bombenangriffen zu entgehen waren aus dem Ruhrgebiet viele tausend Menschen, ja, ganze Schulklassen, in den Osten evakuiert worden. Seit der Offensive am 13 Januar fluteten diese Menschenmasse zurück ins Ruhrgebiet. Es waren meist Frauen, Kinder und alte Männer, die sich bei mehr als 20 Grad Kälte mühsam über die vereisten Straßen quälten. Züge, Straßen und Schiffe waren überfüllt.
Ich befand mich als fünfzehnjähriges Mädchen ohne meine Familie ebenfalls unter diesen Flüchtlingen. Das Landjahrlager Steffanshofen, in dem ich seit einigen Monaten lebte, war in der Nähe von Posen. Wir waren 40 Mädchen, 20 stammten aus dem Altreich und 20 waren Rußlanddeutsche, dazu gehörten noch drei Lagerführerinnen.
Am 20 Januar begann unsere Flucht. Die Bauern sollten uns Landjahrpflichtige auf ihre Fuhrwerke aufsitzen lassen. Das war leider wegen der Kälte nicht möglich, es herrschten mehr als 20 Grad unter Null. Unser Ziel war die 26 Kilometer entfernte Stadt Birnbaum. Um 19 Uhr mußten sich alle Fuhrwerke am Ortsausgang von Steffanshofen einfinden. Um 20 Uhr war Abfahrt. Die Straße total vereist, die Fuhrwerke nur unzureichend ausgestattet. Ein Teil der Pferde war nicht beschlagen und rutschte auf der eisglatten Straße wie Schlittschuhläufer. Es wurde schon hell, als wir die Stadt Birnbaum erreichten. Was sich auf der Strecke abgespielt hat, läßt sich kaum beschreiben. Alte Leute und kleine Kinder erfroren, sie mußten am Straßenrand abgelegt werden. Bei Zuwiderhandlungen wurde von den Braunhemden Strafen angedroht. Pferde stürzten bei der Glätte, Frauen riefen verzweifelt um Hilfe. Kinderweinen hallte durch die Nacht! Es war keiner da, der ihnen Hilfe leisten konnte. Jeder hatte mit sich zu tun, und es fehlte an tatkräftigen Männern.
Die polnischen Knechte mußten die Fuhrwerke lenken, viele liefen heimlich davon. Sie ließen ihre Bäuerinnen alleine mit dem Fuhrwerke auf den Straßen stehen und machten sich aus dem Staub sie wollten sich den Partisanen anschließen.
Die Fuhrwerke konnten nicht mehr in die Stadt. Birnbaum war total überfüllt. Die Straßen mit Fuhrwerke verstopft. Auf dem Marktplatz herrschte ein heilloser durcheinander. Als ich meinen Tornister vom Fuhr lt werk nehmen wollte, bat mich die Bäuerin, ich solle doch bei ihnen bleiben. Sie könne doch nicht alleine mit den alten Schwiegereltern und den zwei kleinen Kindern weiterkommen. Ich konnte ihre Bitte nicht erfüllen, ich wollte zu meiner Mutter, die in Württemberg lebte. Es mußte sein, ich konnte nicht bleiben. Als ich in der Innenstadt angekommen war, ging ich auf den Marktplatz. Dort traf ich mehrere Familien aus meinem Heimatdorf Andrenburg in der Ukraine. Auch meine Freundin Lydia mit ihrer Familie war da. Die Oma und ihr jüngster Bruder waren erfroren, und ihre Mutter weigerte sich, die Toten abzulegen. Ich suchte weiter, da hörte ich, wie eine Frau ganz laut nach ihrem polnischen Knecht rief: „Adam! Adam! Wo bist du.“ Ich erkannte die Stimme, es war Frau Anna Kaiser, auf deren Bauernhof meine Mutter und ich drei Monate gewohnt hatten. Voller Freude ging ich zu ihr. „Tante Anna, darf ich mit dir fahren?“
„Nein, mein Kind, du weißt, wo deine Mutter ist, fahr zu ihr. Ich werde umdrehen und nach Marianowo zurück fahren, es hat keinen, Zweck auf der Straße zu sterben.“
„Wo ist Onkel Paul?“
„Er wurde zum Volkssturm eingezogen, von Kurt habe ich schon drei Monate keine Nachricht. Er ist sicher in Rußland gefallen.“
Ich konnte das nicht mehr mit anhören und wollte davon laufen.
„Geh nur schnell zum Bahnhof und versuche, mit einem Zug mitzukommen. Du weißt, wo deine Mutter wohnt, also fahr zu ihr“, rief mir Tante Anna noch zu. Ich war traurig, daß Tante Anna, wie ich sie nannte, mich nicht haben wollte. Dann kam auch Adam, er sagte: „Hosbodina (Herrin), es geht nicht mehr weiter, alles ist verstopft.“
„Laß uns umdrehen, Adam. Wir fahren zurück nach Marianowo.“
„Das dürfen wir nicht, Hosbodina. Die erschießen mich und auch Sie. Ich werde versuchen, aus dem Gewirr herauszukommen, auf Nebenstraßen fahren wir dann weiter .“ Adam sah mich an: „Die Hosbodina hat recht, Nelly, geh zum Bahnhof und … “ Er sprach nicht mehr weiter. Ich lief heulend davon. Damals wußte ich noch nicht, daß das mein Glück war.
Der Befehl zur Flucht kam viel zu spät, die Braunhemden waren schon fast alle auf und davon. Ihre Sicherheit war ihnen das Wichtigste. Sie hatten die Lastautos der Fabriken beschlagnahmt und sich damit aus dem Staub gemacht.
Meinen Führerinnen und einigen der Mädchen, unter denen auch ich mich befand, gelang es in einem der letzten Züge unterzukommen, und wir erreichten Frankfurt an der Oder. Dort wurden wir in einem leerstehenden Landjahrlager untergebracht. Wir waren seit 48 Stunden ohne Schlaf, todmüde krochen wir in die Betten. Lange konnten wir nicht bleiben, denn die russischen Panzer rollten erbarmungslos auf uns zu, wir flohn weiter nach Berlin. In der Friedrichstaße stiegen wir aus. Kaum waren wir auf dem Bahnsteig, gingen die Sirenen los. Fliegerangriff! Von Helfern wurden wir in den Luftschutzkeller nach unten gebracht. Dann hörten wir das Explodieren der Bomben. Es dauerte fast eine Stunde, dann kam die Entwarnung. Uns gelang es, mit einem Zug nach Potsdam zu fahren. Dort hieß es umsteigen, und weiter ging es. Wir konnten uns kaum noch auf den Beinen halten, so erschöpft waren wir. Endlich kamen wir an einem Bahnhof an und sollten aussteigen, wo wir waren, wußten wir jedoch nicht. Bauern standen mit Fahrzeugen am Bahnhof und fuhren uns über Land, durch verschneite Wälder und Wiesen. Es gehe in ein Schloß, sagte uns ein Bauer. Dort seien wir in Sicherheit. In dem Schloß war ein Landjahrlager untergebracht, diesmal war es nicht leer. Es war ein Sammellager für die Mädchen, die aus dem Osten kamen. Wir waren völlig ausgehungert, ich habe damals 18 Pellkartoffeln in mich hineingestopft. Ich konnte gar nicht satt werden.
Am anderen Morgen fragte ich bei der Lagerführerin, ob ich nicht weiter reisen dürfe zu meiner Mutter, die in der Nähe von Stuttgart lebte. Sie verneinte, damit war ich aber nicht zufrieden. Ich wollte heim, ich wollte zu meiner Mutter. Unter den Mädchen waren noch vier, die sich mir anschlossen.
Uns gelang es, aus dem Landjahrlager Kulmühle zu fliehen. Wir machten uns gegen vier Uhr morgens auf den Weg zur nächsten Bahnstation. Der Bahnbeamter wollte uns zuerst nicht ohne Geld in den Zug lassen. Als er von uns hörte, daß wir zu unsere Eltern wollten, ließ er sich erweichen und uns in den Zug nach Halle einsteigen. Wir erreichten Halle an der Saale etwa um 9 Uhr in der Früh. Der Bahnhof war völlig überfüllt, Flüchtlinge aus dem Osten, Soldaten, die an die Front mußten und verwundete Soldaten, die auf der Heimreise waren. Rot- Kreuz- Schwestern verteilten heiße Getränke an die Reisenden. Auf den Bahnsteigen lagen Berge von Reisegepäck, dazwischen weinende Kinder, übermüdete, vor Kälte zitternde Frauen, Menschen, die hin und her hasteten, um ihre Angehörigen zu suchen. Ein alter Mann sagte: „Was ist aus unserem Deutschland geworden?“ Es war keiner da, der ihm eine Antwort darauf gab. Mir tat der alte Mann sehr leid, ich fragte ihn, ob ich ihm einen Becher mit heißer Milch bei den Rot Kreuz Schwestern holen solle. Er sah mich ein Weile an, dann nickte er mit dem Kopf. Als ich mit der Milch zurückkam, war er verschwunden.
„Er ist fort“, sagte Paulinchen. Sie nahm die Milch und gab sie einem Kind, das auf einem Bündel saß und vor Kälte zitterte. „Komm, Kleine, trink, das tut gut.“ Die Kleine trank begierig, als die Mutter das sah, nahm sie ihr den Becher ab. „Ich habe noch ein Kind“, sagte sie und schlug einen Zipfel einer Decke zurück, darunter lag ein Säugling. Er war tot. Eine ältere Frau, es war anscheinend ihre Mutter, deckte das tote Kind wieder zu.
„Sagt niemandem, was ihr gesehen habt, sie nehmen uns das Kind sonst ab. Wir wollen es aber heim bringen und dort beerdigen.“ Wir liefen davon. Es war mehr, als wir ertragen konnten.
Nach langem Warten lief ein Zug ein, der in Richtung Nürnberg fuhr. Wir liefen am Zug entlang und suchten nach Plätzen. Der Zug war mehr als überfüllt. Völlig aufgelöst und heulend hetzten wir hin und her. Da öffnete sich ein Fenster und ein Soldat, er hatte einen Arm in einer Schiene eingebunden, rief uns zu: „Kommt her, Kinder, ich helfe euch durchs Fenster!“ Wir gaben ihm als erstes unsere Tornister. Dann hievten wir Pauline hoch und schoben sie durchs Fenster. Der Soldat griff von oben zu und zog sie ins Innere. Ich kam als letzte an die Reihe. Im Abteil schimpften einige Frauen über die Unvernunft des Soldaten. Der sah die Frauen nur an und sagte: „Ihr wollt Mütter sein?“ Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ließen die Frauen mich jetzt noch ins Abteil? Doch der Soldat kümmerte sich nicht um das Geschimpfe. Ich hangelte mich am Fenster hoch, mir zur Hilfe kam ein anderer Soldat, der gerade vorüberging. Er faßte mich bei den Beinen und hob mich höher, so daß „Unser“ Soldat mich an den Schultern packen konnte und mich ins Innere zog. Ich war im Zug, im Abteil. Vor lauter Aufregung fing ich an zu heulen, sonst war ich hart im nehmen, doch jetzt ging es nicht mehr. Pauline kam und schmiegte sich an mich. Für sie war ich so etwas wie eine große Schwester.
Der Zug war wirklich mehr als überfüllt! Wir krochen zwischen die Beine, zwischen das Gepäck der Fahrgäste. Wir machten uns so dünn und so klein wie möglich. Unser Soldat lächelte uns aufmunternd zu. Durch seinen Verband war Blut gesickert. Wir hatten im Landjahrlager gelernt, wie man Wunden verbindet, und wir hatten in unseren Tornistern Verbandszeug. Eines der Mädchen fragte den Soldaten, ob wir seine Wunde anschauen dürfen, um sie neu zu verbinden. Der Soldat sagte, er wollte nicht in ein Lazarett gehe, und deshalb wäre seine Wunde schon mehrere Tagen nicht verbunden worden. Die Rot Kreuz Schwestern wollte er nicht beanspruchen, den es hätte ja sein können, daß sie ihn dann an der Weiterreise gehindert hätten. Er war uns sehr dankbar, daß wir uns um seinen Arm bemühten. Die Wunde sah nicht gut aus, und er gab zu, daß er große Schmerzen hatte. Ihm war es wichtig, so schnell wie möglich nach Nürnberg zu kommen, von dort war es nicht mehr weit bis zu seiner Familie.
Wir hatten es geschafft, bis Nürnberg hatten wir unseren Soldaten und von dort aus ging es nach Stuttgart. Pauline und ich blieben in dem Abteil, die anderen drei wollten sich einen besseren Platz suchen, wir sahen sie hinterher nie mehr.
Pauline Kopp, die im Landjahrlager nur „Paulinchen“ gerufen wurde, stammt aus Heidelberg, das fünf Kilometer von Andrenburg entfernt war. Pauline hatte großes Vertrauen zu mir, und wich nicht von meiner Seite. Sie war sehr klein und hatte ein schwarzen Wuschelkopf. Lachen und weinen, das kam bei ihr aus einem Topf. Sie hatte große Angst, daß sie nicht zu ihrer Mutter gelangen könnte. Wir erreichten nach vier aufregenden Tagen das Schwabenland, in dem meine und Paulines Mutter lebten.
Die meisten Flüchtlinge wurden jedoch von den russischen Panzern eingeholt und fielen in sowjetischen Hände.
Am schlimmsten traf es die Rußlanddeutschen. Für sie begann eine sehr harte und lebensbedrohende Zeit.
Als erstes wurden sie von den Sowjetmachthabern in mehrere Internierungslagern eingesperrt. Ihnen wurde gesagt, sie kämen zurück in ihre Dörfer in der Ukraine. Einige waren voller Hoffnung, daß sie heimkehren dürfen und vertrauten den sowjetischen Funktionären. Die Mehrheit der Flüchtlinge glaubte ihnen jedoch nicht. Das waren diejenigen, denen der Kommunismus schon übel mitgespielt hatte. Von dem sowjetischen Wachpersonal erfuhren die Rußlanddeutschen dann auch sehr bald, daß sie nicht in ihre Heimat, nicht in ihre Dörfer gebracht werden sollten. „Für solche Verräter gibt es nur einen Weg… Sibirien“.
In Viehwaggons eingepfercht, ihrer Habe beraubt, wurden die Rußlanddeutsche im Herbst 1945 nach Sibirien verbannt. Sie gingen den altbekannten Weg, den schon 2,5 Millionen Rußlanddeutsche vor ihnen gegangen waren, in die Verbannung nach Sibirien.
Etwa 300 000 Rußlanddeutschen gelang die Flucht in den westlichen Teil Deutschlands. Einige Hundert hatten das Glück, schon im Juli 1944 ins Altreich zu dürfen. Darunter auch meine Mutter, Emma Schmidt. Die Rußlanddeutschen wurden in Lagern untergebracht und mit Lebensmittelkarten versorgt. Sie wähnten sich in Sicherheit, doch das war trügerisch.
Die Sowjets waren zu Verbündeter der Westmächte geworden und was Verbündete fordern, mußte man erfüllen. So forderten die Sowjets die Herausgabe ihrer sowjetischen Staatsbürger, als das uns immer noch bezeichneten. (Den Westmächte war anscheinend nicht bekannt, daß es Deutsche in Rußland gab). Die Einbürgerung war für die Sowjets ohne Bedeutung. Sie erkannten dieses für die Rußlanddeutschen so wichtige Dokument nicht an. Die Sowjets sagten zu den Westalliierten: Die Einbürgerung hätten die Nazis ihren Rußlanddeutschen aufgezwungen. Sie seien zwangsverschleppt worden, und wollen nun zurück in ihre Heimat.
Mitte 1946 hörte man, daß die Alliierten auch aus ihrem Machtbereich Rußlanddeutsche an die Sowjets ausgeliefert haben. In der englisch besetzten Zone wurden fast alle Rußlanddeutsche in die sowjetischen Internierungslager im russischen Teil Deutschlands verbracht. Die Sowjets waren sogar so dreist, daß sie die Lager in den westlichen Zonen bereisten, in denen Rußlanddeutsche untergebracht waren. Sie wurden von alliierten Offiziere bei diesen Raubfahrten begleitet.
Anfang 1946 hatte ich in Schwäbisch Gmünd eine Lehrstelle als Schneiderin gefunden. Meine Mutter wohnte in Birkenlohe, das 14 Kilometer von Schwäbisch Gmünd entfernt war. Damals gab es noch keine Busverbindung, so mußte ich mir eine Schlafstelle in Gmünd suchen, was mir auch gelang.
In Schwäbisch Gmünd kamen eines Abends in das Lager „Josefle“ zwei sowjetische Offiziere, zu ihrem Schutz wurden sie von zwei amerikanischen Offiziere begleitet. Das Lager lag beim Bahnhof und hier waren nur rußlanddeutsche Flüchtlinge untergebracht.
Im Josefle lebten auch einige Landsleute aus meinem Heimatort Andrenburg, die ich fast jeden Abend besuchte. Als ich eines abends wieder ins Josefle kam, stand ein amerikanisches Militärfahrzeug vor der Tür. Aus dem Treppenhaus hörte ich lautes Geschrei. Ich ging hinein und sah zwei russische Offiziere und zwei Amerikaner im Flur stehen. Die Russen forderten unsere Landsleute auf, heimzukehren nach Rußland.
„Ihr kommt alle wieder in eure Heimatdörfer“, sagte einer. „Dort könnt ihr wie Menschen leben, und hier seid ihr in Lager eingesperrt. Ihr werdet hier von den Faschisten wie Abfall behandelt! Bei Mütterchen Rußland seid ihr in Sicherheit!“ Die Amerikaner, der russischen Sprache unkundig, verstanden nicht, was sie sagten. Unsere Landsleute verstanden die Sowjets um so besser. Sibirien, das konnte nur Sibirien für sie bedeuten! Plötzlich schrie eine alte Frau.
„Ihr lügt! Ihr wollt uns in Sicherheit bringen! Ja, Sicherheit bedeutet bei euch: Sibirien! Ihr habt meinen Mann 1937 verhaftet und nach Sibirien verbannt! Ist er auch in Sicherheit? Vor wem? Vor seiner Familie, die seither nur Not und Elend durchlebt hat. Ist das eure Sicherheit? In unsere Heimat wollt ihr uns bringen? Nein! Ihr schickt uns ins Verderben!“
„Wenn Ihr Mann verhaftet wurde, dann war er schuldig, die sowjetische Regierung tut keinem Unschuldigen etwas zuleide“! gab einer der Offiziere aufgebracht zur Antwort. Das löste bei den Rußlanddeutschen einen Sturm der Entrüstung aus!
„Holt kochendes Wasser“, schrie die Frau wieder, „wir brühen diese Hunde ab!“ Die Empörung wurde immer stärker, die Menschen waren bis ins Innerste getroffen. Die Amerikaner merkten, daß da etwas nicht stimmte. Es konnte nicht sein, daß diese Menschen von Hitler nach Deutschland zwangsverschleppt worden waren. Von ihren Vorgesetzten wurde Ihren gesagt, die Sowjets holten ihnen Bürger heim, die Hitler nach Deutschland verschleppt hatte. Wäre dies der Fall gewesen, dann hätten die Menschen auf das Angebot, in die Heimat zu dürfen, befreit zu werden, freudig reagiert. Das schien hier nicht der Fall zu sein. Den Amerikanern ging ein Licht auf, zudem die Sowjets ohnehin nicht mehr die idealen politischen Partner waren. Stalin hatte den Westalliierten sein wahres Gesicht schon gezeigt.
Jetzt ging alles sehr schnell, die Menschen hatten plötzlich Stöcke und Gefäße mit kochendem Wasser in den Händen. Die Amerikaner drängten die russischen Offiziere in Richtung Tür und verließen das Lager. Einer der russischen Offiziere rief noch wütend: „Wir holen euch alle heim, darauf könnt ihr euch verlassen!“
Ich konnte das alles nicht begreifen, russische Offiziere in Schwäbisch Gmünd. Sie wollten uns zurückschleppen nach Rußland. Mich erfaßte eine Panik! Mutter! Ich muß zu meiner Mutter! Mir wurde schlecht vor Aufregung. Ich lief an der Rems entlang, weiter in Richtung Mutlangen, hetzte den Mutlanger Berg hinauf und lief durch das Dorf. Es war schon dunkel. Weiter, immer weiter. Ich lief durchs Leintal, kam am Leinhäusle vorbei und hetzte den Berg hinauf in Richtung Spraitbach! Spraitbach! Ich hatte Spraitbach erreicht, jetzt waren es nur noch fünf Kilometer bis Birkenlohe. Ich bog ab nach Hönig, lief durch das kleine Rottal, das ich über alles liebte und erreichte bei völliger Dunkelheit Birkenlohe. Das waren 14 Kilometer, die ich meist im Dauerlauf zurückgelegt hatte. Völlig ausgepumpt kam ich im Schulhaus an, stolperte die Treppe hoch und riß die Tür zu Mutters Zimmer auf. Ich konnte nicht sprechen, so fertig war ich. Als ich mich etwas beruhigt und etwas Wasser getrunken hatte, brachte ich die ersten Worte heraus.
„Mama, die Russen sind in Schwäbisch Gmünd und wollen uns nach Rußland verschleppen!“
„Kind, das ist doch nicht möglich!“ An Mutters Stimme merkte ich, daß meine Worte bei ihr Betroffenheit ausgelöst hatten.
„Sie haben gesagt, es wären schon alle aus Deutschland fort, nur die in Schwäbisch Gmünd, die wären die letzten, die sie nun heim holen würden.“
„Die lügen, einem Kommunisten darf man nichts glauben!“ Mutters Stimme zitterte. „Sie lügen! Wir gehen nicht zurück! Lieber hängen wir uns auf.“ Meine Mutter stand da und war weiß wie die Wand. Glaubte sie sich bisher in Sicherheit, so war diese Hoffnung wie eine Seifenblase zerplatzt. Mutter haßte die Kommunisten, sie hatten unserer Familie sehr viel Leid zugefügt. Wir waren jedoch nicht die einzigen Verfolgten im sowjetischen Paradies. Tausenden und Aber Tausenden deutscher Bauern erging es wie uns. Sibirien! Das war das Schreckenswort aller. Sibirien! Das war das Zauberwort, mit dem die sowjetischen Machthaber alle Andersdenkenden in die Knie zwang.
In dieser Nacht hörte ich, wie meine Mutter laut betete. Ich sah sie vor dem Bett knien. Tiefe Ängste erfaßte mich und ich rutschte aus dem Bett an ihre Seite.
„Mama, bitte nicht weinen. Wir werden es so machen wie Ihr es gesagt habt. Wir gehen in den Wald und hängen uns auf.“
„Komm Kind, wir wollen zu Gott beten, daß er uns diesen schrecklichen Weg nicht gehen läßt. Er soll uns, falls wir es doch tun müssen, diese Sünde vergeben.“ Gemeinsam riefen wir unseren Herrgott an. Wir beteten um unsere Rettung. Wir beteten bis zum Morgengrauen. Ich hatte große Angst, vor lauter Müdigkeit schliefen wir letztendlich doch noch ein.
Beim Frühstück sagte Mutter zu mir: „Du gehst heute nicht zur Arbeit nach Schwäbisch Gmünd. Es könnte sein, daß die Sowjets dich dort fangen und verschleppen.“
Meine Mutter lebte nun schon seit Juli 1944 in Birkenlohe im Schulhaus. Mutter stellte sich ans Fenster und sah die Dorfstraße hinunter. Sie war es dann auch, die das Auto die Dorfstraße heraufkommen sah. Das Auto fuhr auf den Schulhof und hielt an. Mutter war sofort klar, das waren die Amerikaner und mit ihnen die russischen Offiziere. Sie wußten anscheinend genau, wo wir wohnten. Mutter war sehr aufgeregt.
„Laß uns auf den Hof gehen“, sagte sie. „Wir dürfen die nicht in unser Zimmer lassen, wir gehen nach unten.“ Mutter mußte sich am Treppengeländer festhalten, so zitterten ihr die Beine.
„Für uns ist es besser, diesen Verbrechern auf dem Hof entgegenzutreten. Die Dorfbewohner müssen zusehen können, falls sie uns mit Gewalt fortschleppen!“ Sie faßte sich an die Brust und blieb stehen. Ich bekam Angst um sie, ihr Herz macht ihr schon seit Jahren große Beschwerde.
„Wenn sie versuchen, uns mit Gewalt fortzuschleppen, dann schreien wir ganz laut. Hast du gehört? Schrei so laut du nur kannst! Dann kommen die Nachbarn und helfen uns. Sie lassen es nicht zu…, sag doch auch was, Nelly! Sie lassen es nicht zu…“ Mutter war ganz verwirrt, und mir war die Kehle wie zugeschnürt vor Angst.
Als wir unten ankamen, blieben Mutter und ich auf der Treppe vor der Tür stehen. Ein Offizier kam auf uns zu und fragte: „Genossin, verstehen Sie russisch?“
„Ich kann Sie verstehen, aber Ihre Genossin bin ich nicht!“, sagte Mutter mit eisigem Gesicht.
„Wir sind gekommen, um Sie heimzuholen. Sie sind die Letzte, die noch da ist. Ihre Landsleute in Schwäbisch Gmünd haben alle gestern das Lager verlassen. Sie sind freudig zu Mütterchen Rußland heimgefahren. Es ist am besten, Sie packen schnell Ihre Habe zusammen und wir bringen Sie noch zum Zug, in dem die aus Schwäbisch Gmünd drin sind.“
„Wir gehen nicht! Sie lügen! In Schwäbisch Gmünd hat man versucht, Sie tot zuschlagen. Meine Landsleute sind alle noch dort. Meine Tochter,“ Mutter zeigte auf mich: „meine Tochter war gestern Abend dabei, als man Sie aus dem Lager trieb!“
Ich hatte das Gefühl, daß meiner Mutter beim Anblick der russischen Offiziere ihr alter Mut, ihre Selbstsicherheit, ihr Überlebenswille, den sie durch all die schweren Jahren hatte, plötzlich zurückgekehrt war. Das war meine Mutter!- so, wie ich sie kannte, aufrecht, stolz und mutig!
„Mein Mann wurde 1937 im Dombas verhaftet und für 30 Jahre nach Sibirien verbannt, nur weil er ein Deutscher war. Rußland ist nicht mehr meine Heimat! Ich bin Deutsche, und Deutschland ist meine Heimat!“
„Wenn Ihr Mann verhaftet wurde, dann war er schuldig. Die sowjetische Regierung hat noch keinen Unschuldigen verhaftet. Wir wollen Ihnen diesen Unsinn, den Sie da von sich haben, nicht übel nehmen. Packen Sie zusammen! Wir bringen Sie in Ihr Heimatort in der Ukraine.“
„Waren alle 54 Männer Verbrecher; die Ihr in dieser Nacht zusammen mit meinem Mann verhaftet habt?“
„Hören Sie auf mit Ihren Lügen, Ihr Mann war sicher ein Gesetzesbrecher, wahrscheinlich von Ihnen angestachelt. Sie sind ein aufsässiges Frauenzimmer!“ Der Offizier lächelte hinterhältig.
„Wir….“, weiter kam er nicht. Meine Mutter fing plötzlich ganz laut zu schreien an, ich ließ mich von ihr anstecken und schrie lauthals mit. Wir wollten die Nachbarn auf uns aufmerksam machen.
„Wir gehen lieber in den Wald und hängen uns auf, zurück gehen wir nie! Nie und nimmer!“ Mutter war ganz rot im Gesicht, ich hatte Angst, sie bekommt einen Hirnschlag, denn ihr Blutdruck war viel zu hoch.
Einer der Amerikaner kam ganz langsam auf uns zu. Es war ihm deutlich anzumerken, daß er sehr verärgert war. „let`s go“, sagte er mit eisiger Miene zu dem russischen Offizier,` der Mutter so bedrängt hatte. Er faßte ihn am Ärmel und zog ihn unsanft in Richtung Auto. Er hielt ihm die Tür auf und ließ ihn einsteigen. Der zweite russische Offizier hatte sich still verhalten, er ging ebenfalls zum Auto, schüttelte mehrmals mit dem Kopf und stieg wortlos ins Auto. Die Amerikaner schwangen sich auf die vorderen Fahrersitze, es war offensichtlich, sie waren sehr wütend. Der Offizier, der dem Spektakel ein Ende bereitet hatte, sah zu meiner Mutter herüber und lächelte ihr zu. Dann legte er seine Hand aufs Herz, machte eine Bewegung, die heißen sollte, beruhigt euch, der kommt nicht wieder.
Er kam auch nicht wieder! Uns aber verfolgte diese Begegnung noch monatelang. Erst Jahre später, es war 1950, damals wurde die Landsmannschaft der Rußlanddeutschen gegründet, erfuhren wir, daß Dr. Karl Stumpp und Pfarrer Römmich gegen die Auslieferung bei den Westalliierten interveniert hatten. Diesen zwei mutigen Männer, war es gelungen, die weiteren Auslieferungen der Rußlanddeutschen an die Sowjets zu stoppen. Leider war es für viele Landsleute zu spät. In Schwäbisch Gmünd war es den Sowjets tatsächlich gelungen, einen Zug mit mehreren Waggons zusammenzustellen und in die russische Zone zu verschleppen. Zu diesen Verschleppten gehörte auch Paulinchen Kopp. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Vergessen?- Nein, vergessen kann ich Paulinchen nie. Es waren verängstigte Landsleute, die außerhalb des Lagers gelebt und den Russen nicht gewachsen waren. Sie fuhren in ihr Verderben, wie man heute weiß.
Wollte man damals von der französischen Zone in die englische oder in die amerikanische Zone ging das ohne Visum nicht. Für die Erteilung eines Visums, waren die Alliierten zuständig. Bei ihnen mußte die Erlaubnis für einen Grenzübertritt beantragt werden. Es mußte das Ziel angegeben werden, was man dort wollte, und es wurde geprüft, ob man ein Nazi war. Gingen die Menschen heimlich über die Grenzen und ließen sich erwischen, wurden sie eingesperrt und von einem Militärgericht abgeurteilt. Die Strafe war in der Regel, zwei bis fünf Tage Gefängnis.
Die ersten Monate nach dem 8. Mai 1945 waren eine harte und ungewisse Zeit. Die Rußlanddeutschen verkrochen sich in ihren Behausungen. Sie lebten wie viele Millionen Deutsche in Ruinen. Jeder versuchte Arbeit zu finden oder irgendwo nur für Kost und Wohnen unterzukommen.
In den Jahren 1946/47 wurde es in Deutschland immer enger. 12, 5 Millionen Vertriebene strömten in die westlichen Besatzungszonen. Polen, Jugoslawien, Tschechen und die Ungaren vertrieben die Deutschen aus ihren Ländern. Dazu kamen noch die Flüchtlinge aus dem sowjetischen Machtbereich. Täglich kamen diese bedauernswerten Menschen in die Dörfer und mußten bei den Einheimischen untergebracht werden.
Unter ihnen waren viele Frauen, die von den Polen, Tschechen und den Russen vergewaltigt worden waren. Die Scham schloß den meisten Frauen jedoch den Mund. Sie fühlten sich beschmutzt, gedemütigt und von den Behörden verraten. Es gab damals noch keine Institution, die sich der Frauen annahm. Sie mußten mit ihren Ängsten allein fertig werden.
Auf den Rathäusern wurden Kommissionen gebildet, und diese gingen von Haus zu Haus und beschlagnahmte bei den Bauern Zimmer. In den Städten gab es fast keinen Wohnraum, so wurden die meisten Vertriebenen auf die Dörfer verteilt. Jeder mußte Platz machen, in jedes Haus wurden Vertriebene eingewiesen.
Die meisten Einheimischen waren sehr hilfsbereit und nahmen diese Menschen freundlich auf, doch es gab auch Schwierigkeiten. Die unverbesserlichen Egoisten sträubten sich gegen die Einweisungen, konnten letztendlich jedoch nicht verhindern, daß sie Einquartierung erhielten. Da waren Streit und Demütigungen für die an Leib und Seele geschundenen Menschen vorprogrammiert!
Arbeit und Lehrstellen waren knapp. Die Not war sehr groß. Die Stadtbewohner kamen auf die Dörfer und tauschten die wenige Habe, die sie noch hatten, gegen Kartoffeln, Mehl oder Steckrüben. Jeder versuchte an Lebensmittel heranzukommen.
Mit Rußland hatte der Krieg vier Jahre gedauert. Deutschland war völlig isoliert. Hilfsaktionen, wie sie heute gehandhabt werden, gab es für Deutschland damals nicht. Unvorstellbar, daß damals ein Konvoi vom Roten Kreuz mit Lebensmitteln in eine umkämpfte Stadt Deutschlands gekommen wäre. Oder, daß man für Frauen und Kinder Kleidung oder Medikamente eingeflogen hätte. So etwas gab es damals nicht.
Die Kommunisten haben ihre Waffenbrüder sehr schnell enttäuscht. Die Alliierten haben bald erfahren müssen, was das Wort eines Kommunisten wert war. Der vielzitierte Kalte Krieg war ausgebrochen, der berühmte eiserne Vorhang ging herunter.
1948 kam die neue Währung, und mit ihr waren plötzlich die Regale gefüllt. Jeder Bürger der westlichen Zonen erhielt 40 DM. Damit war die DM geboren. Wir hatten jedoch keine 40 Reichsmark, um sie gegen DM einzutauschen. Mutter und ich hatten Angst, daß wir das Geld nicht zu bekämen. Der Bauer, bei dem wir wohnten, fragte mich. „Habt ihr eurer neues Geld auf dem Rathaus schon geholt?“
„Nein“, war meine Antwort. „Wir haben kein altes Geld, da können wir auch kein neues holen!“ Er schaute mich entsetzt an.
„Ja, habt ihr denn keine Reichsmark?“ Ich zuckte nur mit der Achseln. Sollte ich ihm erzählen, daß wir dem leben, was Mutter durch Sockenstopfen, Säcken flicken und bei den Bauern auf dem Feld verdiente. Sollte ich ihm sagen, daß wir seither nur gegen Lebensmitteln gearbeitet haben. Wird er das mir glauben?
Ich hatte meine Lehre inzwischen abgeschlossen und war nun Industrieschneiderin. Der Lohn reichte für uns zwei jedoch nicht. Ich wollte in meinem Leben mehr erreichen! Tag für Tag an einer Nähmaschine zu sitzen und im Akkord zu schuften, daß war nicht mein Traum. Ich fand bei einem Herrenschneider in Gschwend eine Lehrstelle und macht bei ihm meine zweite Lehre. Als Bezahlung bekam ich 25 Reichsmark in der Woche. Das reichte nicht vorn und nicht hinten.
Mutter war krank und konnte nicht schwer arbeiten, wegen ihrer Krankheit hätte sie nur leichte Arbeiten verrichten können. Sozialhilfe gab es damals nicht! Also woher sollten wir 40 Reichsmark für jede von uns nehmen?
Herr Kunz, bei dem wir inzwischen mit Zimmer und Küche bewohnten, er war auch im Gemeinderat, brachte uns am Abend 80 Reichsmark und sagte zu mir. „Morgen früh gehst du nach Ruppertshofen auf das Rathaus und holst euer Geld.“ Mutter und ich sahen ihn fragend an. „Nein, nein, ich will dafür nichts haben, ich schenke es euch. Wir haben noch genug zum wegwerfen. Die Reichsmark ist verfallen. Aus!“ Herr Kunz drehte sich um und ging aus der Küche.
„Es gibt doch noch gute Menschen“, sagte Mutter, griff nach dem Taschentuch und fuhr sich über die Augen. Ich konnte es nicht ertragen, wenn meine Mutter weinte, schon allzu oft hatte ich das erleben müssen.
Die Zeit verging. Ich wurde 18 Jahre alt, und ich hatte mich verliebt! Er war Schreiner und der Sohn vom hiesigen Gasthaus Lamm. Mutter war das gar nicht recht, sie war der Meinung, ein einheimischer Bursche würde ein Flüchtlingsmädchen, dazu noch aus Rußland, nie heiraten. Alles Reden, alle Ermahnungen meiner Mutter halfen jedoch nicht. Ich war verliebt und wollte den Burschen haben und … ich war sicher, daß er mich heiraten würde.
Ich hatte mir eine Nähmaschine auf Raten gekauft, und Walter, so hieß mein Freund, gab mir 100DM dazu. Als ich ihn fragte, ob das seine Mutter auch zuließe, war die Antwort: „Meine Mutter hat mir gesagt, ich soll dir helfen. So, und da hast du nochmals 100DM.“ Die Nähmaschine kostete damals 540 DM, und mit den 200 DM war ich fast schuldenfrei. Es war einfach herrlich! Jetzt war ich mir sicher, seine Liebe zu mir war stark und wir würden heiraten.
Die Zeit ging dahin, wir verlobten uns an Weihnachten 1950, und ich zog mit meinem Verlobten nach Stuttgart. Mein Bräutigam hatte in Stuttgart eine besser bezahlte Arbeit angenommen. Ihm war es auch gelungen, mich bei einem Herrenschneider unterzubringen, bei dem ich in der Familie wohnen und essen konnte. Wir wollten zwar heiraten, doch das konnte lange dauern, es war fast aussichtslos, in Stuttgart eine Wohnung zu finden. Stuttgart war eine Ruinenstadt. Da kam uns mein Bruder Harry zu Hilfe. Er hatte in Stuttgart eine Gipserfirma eröffnet und beschäftigte schon 5 Leute. Er fand für uns in der Johannesstraße einen Bühnenraum, den wir selber ausbauen durften. Also bauten wir im „Spatzenparterre, unter dem Dach juchhei“ ein Zimmer mit Küche für uns aus. Meine Schwiegereltern unterstützen uns sehr. Sie bezahlten die Fenster und die Böden. Sie kauften uns das Schlafzimmer und versorgten uns über Jahre hinaus mit Lebensmitteln vom eigenen Bauernhof. Wir heirateten und zogen im April 1951 ein. Ich fing zur gleichen Zeit bei der Firma Breuninger in der Maßschneiderei an. Von da an ging es aufwärts!
Der Bund der Vertriebenen, wurde schon 1950 gegründet. Alle Vertriebene aus den Ostländer gliederten sich unter dem Dach dieser Organisation an.
Meine Mutter trat in die Landsmannschaft der Rußlanddeutschen ein, deren Sitz in Stuttgart war. Der Beitrag betrug damals 2DM im Jahr. Mutter bekam inzwischen Sozialhilfe von 98DM monatlich. Wir waren froh, zufrieden und glücklich.
Im November 1952 kam unser erster Sohn zur Welt, er starb nur wenige Wochen nach seiner Geburt. Genau ein Jahr später, kam unsere Tochter zur Welt. Jetzt wollten wir ein eigenes Heim haben und fingen 1954 in Waiblingen mit dem Bauen an. Wir bauten uns ein Haus auf Schulden! Mein Mann sagte damals zu seiner Mutter, er könne sich in den nächsten zehn Jahre kein Bier mehr leisten. Ich war dagegen viel optimistischer, voller Tatendrang machten wir uns an das gesteckte Ziel.
Meine Mutter, die seit der Verhaftung von Vater das Lachen verlernt hatte, fand wieder zurück zu ihrer Fröhlichkeit. Sie konnte wieder so von Herzen lachen, daß sie uns alle ansteckte. Großvater, der bei ihr wohnte, sagte des öfteren: „Hoffentlich kommt nicht die Zeit, wo du wieder am Boden liegst.“ Ich war Großvater wegen seiner Unkenrufe böse, er konnte doch froh sein, daß seine Tochter wieder fröhlich war.
Harry, Mutters schönstes Kind, wie sie immer sagte, bereitete ihr große Sorgen. Obwohl er verheiratet war, sah er immer noch gerne andere Frauen. Alkohol und Frauen ließen seine Ehe scheitern. Im Herbst 1953 verschwand er, und wir wußten mehrere Wochen nichts von ihm. Seine Frau mußte die Firma auflösen, um seine Schulden zu begleichen. Sie ließ sich dann auch scheiden.
Mutters Lachen war verschwunden, sie betete nun wieder Tag und Nacht. Nach Monaten meldete Harry sich aus Afrika, er war in der französische Fremdenlegion. Mutter konnte es nicht begreifen. Warum hatte Harry das getan Sie suchte die Schuld bei seiner geschiedenen Frau. Doch dem war nicht so. Die Frauen hatten es ihm immer sehr leicht gemacht, seine Schönheit und seine Charme ebneten ihm alle Wege. Ich habe das Mutter oft gesagt, doch sie hörte nicht auf mich. Eines Tages kam dann ein Brief aus Afrika, ein Freund von ihm schrieb an Mutter Harry wäre bei einem Fluchtversuch ums Leben gekommen. Mutter betete wieder nächtelang. Sie war verzweifelt und suchte nun die Schuld bei sich selbst. Sie redete sich ein, als Mutter versagt zu haben. Ich konnte darüber nur lachen. Sie warf mir vor, ich hätte für meinen Bruder kein Herz, kein Mitgefühl. Wie sollte ich auch! Ich war ihm böse, er hatte Mutter schon viel zuviel zugemutet, trotz allem, Harry war zwar liebenswürdig, aber ein Schuft! Mit ihm konnte man nicht streiten, er nahm alle Vorwürfe ruhig auf und versprach immer Besserung. War er aus dem Haus, schlug er alle Ermahnungen in den Wind. Der nächste Rock, dem er begegnete, ließ alle gute Vorsätze vergessen. So war Harry!
„Er ist nicht tot! Hör bitte auf, Mama, dir etwas vorzumachen. Harry ist wie eine Katze, er fällt immer auf die Beine, den holt der Teufel noch lange nicht, du verhinderst das sowieso mit deinem Beten“. Mutter war sehr böse über meine Worte, doch ich konnte mir nicht helfen, ich liebte meinen Bruder und haßte ihn zugleich. Was er Mutter antat, konnte ich ihm nie vergeben.
Eines Morgens, mein Mann und ich saßen beim Frühstück, hörten wir die Nachrichten im Radio. Wir horchten auf, als der Sprecher sagte: „Neun Fremdenlegionären ist die Flucht vor Singapur, von einem französischen Schiff, gelungen. Die neun Legionäre sprangen ins Meer, fünf sind dabei ertrunken oder von Haien getötet worden. Unter den vier Geretteten befindet sich auch ein Stuttgarter, Harry Schmidt.“ Ich dachte, ich falle um. Der freudige Schreck fuhr mir in den Magen und in die Knochen. Ich stand auf und mußte mich wieder setzen, die Beine versagten mir ihren Dienst.
Mein erster Gedanke war: Ich hatte recht, er war nicht tot! Nicht einmal die Haie wollten ihn fressen. Jetzt bekommt Mutter ihr „schönstes Kind“ zurück. Daß er ihr wieder neue Sorgen machen wird, davon war ich überzeugt.
Zugegeben, es waren böse Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Harry war der Älteste von uns Dreien, seine Aufgabe wäre, für Mutter zu sorgen, er hat es Vater 1937 bei dessen Verhaftung versprochen. Hatte er das vergessen?
An diesem Tag ging ich nicht zur Arbeit, sondern ich fuhr mit dem Zug nach Schwäbisch Gmünd und von dort aus mit dem Bus nach Birkenlohe zu meiner Mutter. Ich wollte ihr die Nachricht selber überbringen.
Harry durfte mit Bundeskanzler Konrad Adenauer heimfliegen. Adenauer weilte just zu dieser Zeit in Singapur und nahm die vier deutschen Legionäre mit nach Deutschland.
Im Herbst 1954 war unser Haus fertig, das wir in Waiblingen gebaut hatten. Mutter und mein Großvater zogen in unser Haus mit ein. Mit ihnen kam auch unser Töchterchen, daß sie seither betreut hatten. Jetzt waren wir komplett!
Wir arbeiteten fast Tag und Nacht. Ich fuhr jeden Tag nach Stuttgart zum Breuninger, und am Abend hatte ich private Kundschaft. Mein Tag endete meist nachts um 1 – 2 Uhr, und um 6 Uhr hieß es aufstehen. Sehr froh war ich darüber, daß ich meine Mutter bei mir hatte, sie versorgte meine kleine Tochter und half mir bei meinen Näharbeiten. Großvater war ein guter Spielkamerad für seine Urenkelin, alles war so schön.
Der Mensch denkt, Gott lenkt. So war es auch bei mir. Ende Juli 1955 habe ich Zwillingen das Leben geschenkt. Sie starben beide nach einigen Tagen. Das traf mich sehr hart, ich wollte viele Kinder haben. Nun hatte ich drei Kinder auf dem Friedhof. Meine Tochter war mein ein und alles.
Der nächste Schlag kam am 12. Februar 1956, da starb plötzlich meine Mutter. Für mich war es schrecklich. Mir tat es so leid, Mutter hatte in ihrem Leben noch nicht viel schönes gehabt. Jetzt, wo es bei uns aufwärts ging, mußte sie gehen. Zwei Wochen später verstarb auch mein Großvater. Für unsere Tochter war der Schlag am härtesten. Sie suchte die Oma und den Urgroßvater überall. Sie brauchte nun sehr viel Liebe und ich hatte doch so wenig Zeit für sie.
Ich konnte nun nicht mehr nach Stuttgart zur Arbeit fahren, ich hatte ja niemanden für meine Tochter. So nahm ich von einer Fabrik Heimarbeit an. Ich nähte an einem Tag 20 Schlafanzüge für Herren. Da mußte die Maschine den ganzen Tag rattern. Bald hatte ich eine besser bezahlte Arbeit gefunden, diesmal waren es Damenröcke. Ich schaffte am Tag 25 bis 30 Röcke im Akkord und erhielt für jeden Rock 95 Pfennige. Das war ein fürstlicher Lohn!
Da meine Mutter tot war, wurde ich 1960 aktives Mitglied in der Landsmannschaft der Rußlanddeutschen. Waiblingen gehörte damals zu der Ortsgruppe Stuttgart, und ich wurde recht bald in den Vorstand gewählt.
Im April 1957, holte ich die Familie Kaiser, bei denen ich 1944 im Warthgau wohnte, aus der DDR zu mir. Ihr einziger Sohn Kurt, kam nicht mehr vom Krieg heim. Die zwei alten Leute lebten alleine in Zwischendeich an der Elbe. Sie hatten niemanden, der sich um sie kümmerte. Es war ein harter Kampf, den ich mit der DDR Behörde ausfechten mußte. Erst nach dem ich ein ärztliches Attest geschickt hatte, wurde ihnen die Ausreise erlaubt. Dazu kam auch noch, Herr und Frau Kaiser waren Rentner geworden. Rentner waren in der DDR unnötiger Ballast. Tante Anna und Onkel Paul, wie wir sie nannte, lebten 29 Jahre bei uns.
Am 17 Juni, kam mein Sohn Harald zur Welt. In Tante Anna und Onkel Paul hatten meine Kinder Großeltern und ich eine unbezahlbare Hilfe erhalten. Ich konnte ihnen meine Kinder anvertrauen so oft es nötig war. In meinen vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten, war das oft nötig. Für mich war das eine Selbstverständlichkeit, daß ich immer für sie da sein werde, wenn sie mich brauchen. So habe ich dann Onkel Paul mehr als drei Jahre gepflegt, und Tante Anna vier Jahre. Beide waren schwerst Pflegefälle.
Ich habe meinem Mann und seinen Verwandten viel von Rußland erzählt, und immer wieder sagten sie: „Schreib doch ein Buch darüber.“ Ja, ein Buch wollte ich wohl schreiben, ich wollte es denen sagen, denen, damit meinte ich die Einheimischen. Ich wollte ihnen sagen, wer wir Rußlanddeutschen sind, denen, die mich des öfteren fragten, ob ich eine Russin sei. Über so viel Unverständnis habe ich mich des öfteren geärgert.
Ich hatte drei Schulklassen in russischer und 1 1/2 in deutscher Sprache absolviert. Wie soll man da ein Buch schreiben? Als meine Tochter und mein Sohn, zur Schule gingen, habe ich mitgelernt. Sprachkurse oder eine Schule gab es damals für uns Rußlanddeutschen nicht. Also hieß es für mich: selbst ist die Frau.
Der Gedanke, ein Buch zu schreiben, beschäftigte mich so sehr, daß ich nachts nicht mehr schlafen konnte. Eines Tages schrieb ich in einem Brief an Dr. Karl Stumpp von meinen Sorgen und von meiner Idee. Dr. Karl Stumpp war ebenfalls Rußlanddeutscher, hatte aber in Deutschland 1919 sein Studium gemacht und lebte in Tübingen, wo er auch als Lehrer unterrichtete.
Er kam nach Waiblingen und ließ sich von meinem Schicksal berichten. Als ich nach zwei Stunden meinen Bericht beendet hatte, er unterbrach mich kein einziges Mal, sagte er: „Liebe Frau Däs, schreiben Sie, schreiben, schreiben Sie! Wenn Sie zwei, drei Hefte vollgeschrieben haben, dann schicken Sie mir alles zu.“
Nun fing ich an zu schreiben. Ich versetzte mich in das Jahr 1935. Wir lebten damals in Friedental, wo ich auch geboren wurde. Meine Familie bestand aus dem Vater, der Mutter, zwei Brüdern und mir. Ich war die jüngste. Mein Leben zog an meinen Augen vorüber wie in einem Film. Ich erlebte jene Nacht im Jahre 1935, als wir Friedental verließen und uns innerhalb Rußlands auf die Flucht begaben. Ein Freund meines Vaters hatte uns gewarnt, wir sollten nach Sibirien verbrannt werden. Um dem zu entgehen, verließen wir unser Dorf und fuhren in Richtung Dombas. Wir waren achtzehn Monate unterwegs. In einem ukrainischen Dorf machten wir für mehrere Wochen halt. Mutter schneiderte, und Vater arbeitete als Fuhrmann. Als die Miliz zu neugierig wurde, zogen wir weiter. Den Winter verbrachten wir in einer kleinen Stadt. Mutter machte wieder die Hausschneiderin bei den Frauen von Ärzten und Beamten, Vater fuhr auf dem Bahnhof Gepäckstücke. Harry und Johann gingen in eine Schule. Als die Miliz uns wieder auf der Spur war, zogen wir weiter. Wir stießen auf ein deutsches Dorf, das 20 Kilometer von Stalino entfernt war. Mutter weigerte sich weiterzufahren und so trat Vater in die Kolchose ein. Er bekam Arbeit als Pferdepfleger, und meine stolze Mutter wurde Schweinemagd. Harry und Johann gingen in die Schule, wo der Unterricht noch in deutscher Sprache erteilt wurde. Ich half der Mutter im Schweinestall.
Mutter hatte einige Schmuckstücke, davon verkaufte sie die Ohrringe, eine Brosche sowie einen Fingerring. Davon kauften die Eltern ein kleines Haus mit einem Blechdach. Das Haus hatte zwei Zimmer, eine Küche und einen Vorbau an der Eingangstür. Alles war schön, und wir waren sehr zufrieden.
Im September 36 kam auch ich in die Schule. Anfang 1937 wurde die Schule von heute auf morgen auf die russisch Sprache umgestellt. Die Dorfkinder und wir konnten das nicht verstehen, ein deutschen Dorf und wir sollten nicht deutsch sprechen dürfen. Durch das Herumziehen hatten wir Kinder schnell die russische Sprache erlernt, und so fiel uns die Umstellung nicht schwer wie den Kinder des Dorfes.
Die Zeit wurde immer unruhiger! Die Erwachsene standen oft in Grüppchen beisammen und redeten über die Verhaftungen in den deutschen Dörfern ringsum.
Ich hörte eines Nachts wie mein Vater zur Mutter sagte: „Ich halte den Druck nicht mehr aus! Sie werden mich auch holen, wenn es nur schon vorüber wäre.“ Mir brach fast das Herz, ich liebte meinen Vater sehr und daß er mir genommen werden könnte, löste bei mir Ängste aus. Es kam vor, daß ich in der Nacht aufwachte und nach Vater schrie, erst wenn ich mich an ihn kuscheln konnte, schlief ich wieder ein.
Die Nacht vom 7. September 1937 durchlebte ich in aller Härte, so als wäre es erst gestern gewesen. Ich sah vor mir die drei Milizionäre, die meinen Vater verhafteten und fortschleppten. Die Milizionäre sagten zu meinem Vater: „Wenn Sie unschuldig sind, kommen Sie morgen wieder heim.“
In dieser Nacht holten die Schergen Stalins 54 Männer. Sie wurden auf ein Lastauto geladen und fuhren davon. Keiner von uns durfte auf die Straße. 53 Familien waren plötzlich ohne Vater, ohne Ernährer. In der Familie Gauß holten sie den Vater und den Sohn. Der Sohn war noch keine 16 Jahre alt, deshalb durfte er nach zwei Tagen wieder heim. Er sprach kein Wort über das Erlebte.
Mutter wartete eine Woche auf Vaters Rückkehr. Als er nicht kam, machte sie sich auf den Weg nach Stalino in das Zentralgefängnis. Sie wollte Vater Winterkleidung, Schmalz und Suchari (getrocknetes Brot) bringen. Als sie im Gefängnis ankam, wurde ihr mitgeteilt, ihr Mann habe alles gestanden. Er habe im Untergrund gegen die Sowjetunion agitiert. Als Mutter dagegen protestierte, sagte ihr der Beamte, sie solle froh sein, daß die Sowjetregierung sie von so einem Subjekt befreit habe. Mutter brach zusammen und wurde mit einem Fuhrwerk heimgeholt. Ich sah meine Mutter über Jahre nicht mehr lachen.
Ende Oktober kam der Bürgermeister und warf uns aus unserem Haus. Wir durften nur ein Bett, den Tisch, zwei Stühle sowie eine Kiste mit unseren Kleider mitnehmen. Alles andere wurde beschlagnahmt. Es ging mehrere Familien so. In die Häuser zogen Ukrainer, Russen und Juden. Frau Gauß mußte auch ihr Haus verlassen. Mutter und Frau Gauß kauften zusammen eine Lehmhütte mit zwei Räumen und einem kleinen Stall. Frau Gauß hatte vier Kinder, wir waren drei. Das Haus war eine Flechtkonstruktion aus Holz. Innen und Außen mit Lehm angeworfen. Das Dach war mit Stroh gedeckt, geheizt wurde es auch mit Stroh.
Wir Kinder waren sehr traurig über das Geschehene. Harry ging von der Schule und übernahm die Arbeitsstelle, die Vater hatte. Johann ging nach der Schule in den Pferdestall und arbeitete dort ebenfalls. Mutter übernahm zu ihrer Arbeit im Schweinestall noch die Nachtwache bei den Schafen.
Im Sommer 1938 brannte unsere Lehmhütte ab. Frau Gauß hatte eine 18- jährige Tochter, die heiratete kurzerhand einen Russen und somit hatte die Familie wieder eine Bleibe. Wir blieben in den vier Wänden ohne Dach, über uns der offene Himmel. In der Nachbarschaft wohnte eine ukrainische Familie namens Korschak. Die Korschaks hatten zwei erwachsene Söhne, sie fuhren zusammen mit ihrem Vater die Traktoren der Kolchose. Diese Korschaks halfen uns. Sie gingen mit Mutter in den Wald und holten lange Stangen und legten sie über die Wände. Darauf warfen wir Zweige und dann Stroh. Obenauf bedeckten wir das ganze mit Erde. Die Fenster nagelte Mutter mit Brettern zu, und die Haustür wurde mit einfachen Bretter zusammengenagelt. In dieser Hundehütte, wie Mutter das bezeichnete, lebten wir nun. Wenn es regnete, lief das Wasser in den Raum, im Winter hatten wir Eis vor dem Bett. Kein Hund mußte in so einer Behausung leben.
Mutter hatte sich bei diesem Brand am Bein verletzt. Aus dieser Wunde entstand nach Wochen eine Blutvergiftung. Sie kam ins Krankenhaus nach Stalino.
Als ich das niederschrieb, sah ich meine Mutter vor mir, wie sie im Krankenhaus lag. Es tat mir sehr weh, und ich mußte mein Schreiben des öfteren unterbrechen.
Meine Kinder stritten sich, wer zuerst das lesen durfte, was ich am Vormittag geschrieben hatte. Sie waren auf meine Geschichte so gespannt, das ich weiter schreiben mußte.
Der Arzt wollte Mutters Bein unter dem Knie amputieren. Ich hörte, wie meine Mutter zu ihm sagte: „Lieber will ich sterben, dann müssen die Sowjets meine Kinder ernähren.“ Ich sah, wie meine Mutter aus dem Krankenhaus heimkehrte. Auf zwei Krücken gestützt, humpelte sie in unserer abgebrannten Kate umher. Sie war sehr unglücklich, obwohl ihr das Schlimmste erspart geblieben war. Sie durfte ihr Bein behalten, ein deutscher Arzt hatte es ihr gerettet.
Mir tut der Bauch jetzt noch weh, wenn ich an den Hunger denke, den ich damals durchlitt. Es fehlte uns an allem, an Kleidung, an Schuhen, an Heizung, an Medikamenten und an einem menschenwürdigen Wohnraum. Die Fenster waren mit Holz vernagelt, die Sonne also ausgesperrt. Wenn ich heute daran denke, dann wundere ich mich, daß wir dieses überlebt haben.
Mutters Schwester aus Andrenburg schrieb, sie hätte kurz vor Weihnachte ein Paket an uns abgeschickt. „Ihr könnt das sicher gut gebrauchen. Vater hat Mehl und Schmalz dazu gegeben“.
Mutter lächelte bitter: „Natürlich können wir das gebrauchen, die wissen ja gar nicht, wie es um uns steht.“ Mutter weinte sehr, sie hatte doch ihrer Schwester aus dem Krankenhaus geschrieben, wie es um uns steht.
Mutter und ich gingen zur Post, die 9 Kilometer entfernt war, um das Paket abzuholen. Das war im Januar 1939. Auf dem Heimweg kam Schneesturm auf. Mutter wollte eine Abkürzung nehmen, und wir verliefen uns. Wir irrten umher und fanden nicht heim. Es war schon dunkel, da sahen wir in der Ferne ein Licht. Das Licht zeigte uns nun den Weg. Mutter war der festen Meinung, dieses Licht habe uns der Herrgott geschickt. Jetzt waren wir wieder voller Hoffnung und gingen auf das Licht zu. Der Lichtschein kam von dem Dorf Fjodrofka, das fünf Kilometer von uns entfernt war. Wir gingen dort zum Pferdestall, ein Mann spannte einen Schlitten an und brachte uns heim. Wir wären fast ums Leben gekommen. Ich durchlebte es wie damals… Tränen flossen über das Papier.
Für meine Mutter war es schwer zu ertragen, daß sie zusehen mußt, wie ihre Kinder Hunger litten und sie ihnen nicht helfen konnte.
Mutter wollte nicht mehr. Es gab für uns nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir konnten in Mutters Heimatort Andrenburg zurückkehren oder wir schieden gemeinsam aus dem Leben. In Andrenburg lebte Mutters Vater und die älteste Schwester, im Nachbarort Grüntal noch eine Schwester.
Mutter schrieb nun nach Andrenburg, sie möchte heimkehren mit ihren Kindern. Es kam lange keine Antwort. Der Sommer 1939 verging, und der Herbst stand vor der Tür. Mutter fürchtete sich vor dem kommenden Winter.
Von den Schwestern war immer noch keine Nachricht gekommen. Mutter schrieb erneut: Wir überleben diesen Winter nicht, stand in dem Brief. Mutter war verbittert, der letzte Satz hieß: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Nun kam Antwort: Wir sollen kommen.
Im Dezember 1939 ging Mutter mit uns Kindern zurück in ihren Heimatort, Andrenburg bei Saporoshj. Von unserem Vater hörten wir nie mehr etwas. Mutter sagte einmal, wenn ich doch ein Grab von ihm hätte, dann wüßte ich, daß die Kommunisten ihn nicht mehr quälen können. Ich litt sehr um meinen Vater.
Im März 1940 kehrte auch die jüngste Schwester von Mutter mit ihren drei Kindern heim nach Andrenburg. Ihr Mann war ebenfalls verhaftet worden, er ging den gleichen Weg wie mein Vater.
Am 24. Dezember 1939 kamen wir in Andrenburg an. Wie wunderschön war es bei der Tante. In der Ecke der Wohnstube stand ein Weihnachtsbaum. Er war mit Watte, Nüsse und Konfekt reich geschmückt. Unter dem Baum standen Schüsseln mit Gebäck und lagen die Geschenke der Kindern. Unsere Cousins teilten sofort großzügig mit uns und geizten nicht einmal mit ihren kostbaren Geschenke: Bleistiften, Malhefte und Taschentüchern. So feierten wir mitten in der Nacht Weihnachten und waren alle froh unter den Verwandten sein zu können.
Wir hatten uns in Andrenburg einigermaßen eingelebt, Mutter hatten eine Scheune gekauft, die wir zu einer Wohnung ausbauen wollten. Großvater hatte uns das Geld dafür gegeben. Aus dem geplanten Ausbau wurde jedoch nichts, 1941 brach der Krieg zwischen Deutschland und Rußland aus. Es kamen Funktionäre ins Dorf und bereiteten die Verbannung vor. Alle Deutsche sollten nach Sibirien verbannt werden.
Mutter ging zu einem der Funktionäre und sagte zu ihm: „Ich kann mit meinen Kinder nicht nach Sibirien gehen, ich habe keine Kleidung und keine Lebensmittel. Wir erfrieren und verhungern dort.“ Der Funktionär sagte, er müsse erst in der Kommandantur anrufen und nachfragen, was er machen solle. Es dauerte drei Tag, dann kam die Antwort und die lautete: „Lieber sollten die Faschisten in Sibirien sterben als in Feindeshand fallen!“
Inzwischen waren die zwei Schwestern meiner Mutter aus Grüntal und die Schwester aus Andrenburg sowie die Cousine mit ihrer Familie schon auf dem Weg nach Sibirien. Sie waren ohne Männer, ohne ausreichende Kleidung und mit Lebensmitteln für nur einen Monat in die Verbannung geschickt worden.
Die Deutschen aus den Dörfern Heidelberg, Grüntal, Rosental, Neu Montal, Alt Montal, Wasserau und das halbe Andrenburg die wurden auf den Bahnhof nach Orechow gebracht. Dann war der Bahnhof zu.
Durch das Warten auf den Bescheid kamen wir auf einen anderen Verladebahnhof, und zwar nach Tokmak. Bei uns blieb der Großvater und die gehbehinderte Großmutter. Die Sowjets hatten jedoch nicht genügend Viehwaggons, um uns zu verladen. In Tokmak lagen mehrere hundert Deutsche aus den umliegenden Dörfern. Gegen Mittag wurde ein Güterzug bereitgestellt. Die Lokomotive wurde abgehängt und fuhr wieder stadteinwärts. Es war niemand da, der uns irgendwelche Anweisungen gegeben hätte. Es sah ganz so aus, als wäre die Obrigkeit bereits geflohen. Dann kamen ein paar uniformierten Männer und machten sich an den Waggons zu schaffen. Sobald aber einer der Deutschen näher an den Zug heranging, wurde er fortgejagt. Plötzlich verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht durch die Menge, der Zug sei voller Sprengstoff und solle in wenigen Augenblicke in die Luft gejagt werden. Auf diese Weise wollte man uns vernichten. Da kam ein Mann gelaufen und schrie auf russisch: „Rettet euch, Leute! Lauft weg! Der Zug fliegt in die Luft! Lauft! Laut!
Für uns gab es kein Halten mehr. Jeder nahm ein Bündel und rannte los. Der Großvater trug die Großmutter auf den Armen und kam nicht sehr schnell voran. An einer Hauswand legte er seine Last ab und rannte zum Bahndamm zurück, weil er noch etwas von unseren Sachen holen wollte. Mutter wollte auch noch einmal zurück, als es los ging. Erst war ein fürchterlicher Knall, dann ein Zischen über unseren Köpfen. Wir lagen da und beteten. Mir fiel so schnell nichts ein, was ich beten konnte, und so sagte ich: „Gott sei Dank für Speis und Trank!“ Johann mein Bruder, gab mir einen Rippenstoß. „Bete doch das Vaterunser!“ Als alles vorüber war, wurden wir von Uniformierten zurück an den Bahndamm gejagt.
„Gleich kommt ein Zug“, sagte einer, „und dann werdet ihr verladen. Wer fortläuft, wird erschossen.“ Wir trugen unsere Sachen wieder an den Bahndamm und warteten was da kommen sollte. Bis zum nächsten Tag hatten wir unsere Ruhe. Von den Milizionäre ließ sich keiner mehr sehen. Am Morgen hörten wir, der Mann, der gestern durch seine Warnung uns alle das Leben gerettet hatte, sei der Lokomotivführer gewesen, und man habe ihn noch am Abend erschossen. Seine Frau würde jetzt gesucht, so sage man, hielt sie sich unter uns versteckt.
Wir waren sehr auf der Hut, denn wir fürchteten, man würde noch einmal versuchen, uns zu töten. Und am Nachmittag war es dann wirklich soweit. Zwei sowjetische Flugzeuge flogen dicht über unsere Köpfe hinweg und schossen mit ihren Maschinengewehren in die dichte Menschenmenge. Dann drehten sie ab. In unserer unmittelbaren Umgebung war dabei niemand zu Schaden gekommen, aber am anderen Ende der langen Reihe hatte es viele Tote und Verletzte gegeben. Wir lagen noch einen Tag an der Verladerampe. Das russische Militär zog ab. Johann und ich gingen auf die Straße und da hörten wir plötzlich Motorengeräusch. Wir blieben stehen und sahen zwei Motorräder auf uns zukommen. Weit und breit war ausser uns kein Mensch. Was tun? Zum fortlaufen war es zu spät. Also blieben wir stehen. Die Motorräder kamen heran und hielten neben uns.
„Na, ihr Rußki? Was habt ihr hier allein auf der Straße zu suchen?“ Es waren zwei deutsche Soldaten. Wir waren sprachlos. Sie redeten auf uns ein und fragten uns mit Händen und Füßen, ob noch russische Soldaten in der Stadt wären. Unser schweigen ließ einen der beiden Männer ungeduldig werden.
„Nun antwortet doch endlich, ihr blöden Russenbelger!“ rief er.
„Wir sind keine Russen“, sagte ich.
Er sah mich erstaunt an. „Was sonst? Deutsche vielleicht?“
„Ja.“
„Warum laßt ihr uns dann so lange reden? Das hättet ihr noch auch gleich sagen können. Wo sind den eure Eltern?“
„Unsere Mutter ist mit den Großeltern dort hinten in einem Garten.“
„Gibt es hier noch mehr Deutsche?“
„Ja, die deutschen aus vier oder fünf Dörfern sind hier. Wir sollten nach Sibirien verschickt werden, aber sie haben uns nicht mehr rechtzeitig fortschaffen können.“
„Hört zu, Kinder. Lauft gleich wieder zu eurer Mutter! Wir beschießen noch einmal kurz die Stadt, aber ihr braucht keine Angst zu haben. Der Artilleriebeschuß geht über euch hinweg auf den anderen Stadtrand. Wir wollen nur die Russen vertreiben, die sich dort noch festgesetzt haben. In ungefähr einer Stunde sind wir dann dann.“
Mutter hörte nur: In einer Stunde sind die deutschen da. Sie lachte und weinte zugleich. So sind wir der Verbannung nach Sibirien entgangen.
Wir überlebten das Inferno, bei dem Kampf um Tokmak. Ende August 1941 fielen wir in deutsche Hände und das gab uns` zunächst ein wenig Ruhe und Glück.
Die Bauern wollten gleich wieder mit der Arbeit beginnen. Das war nicht leicht, denn es war längst nicht mehr alles da, was den Deutschen früher einmal gehört hatte. Seit der Kollektivierung gehörte das Land, die Tiere und alle Gerätschaften der Kolchose. Die Bauern ließen sich jedoch nicht unterkriegen und bearbeiteten das Land so gut es ging. Sie teilten unter sich das vorhandene Vieh und die Gerätschaften auf. Jeder bekam ein Stück Land, das er nun bearbeiten konnte.
Als die Deutschen sich aus Rußland zurückzogen, gingen wir am 13 September 1943 erneut auf die Flucht, diesmal in Richtung Westen. Wir waren mehr als sieben Monate unterwegs, als wir den Warthegau erreichten. Mutter war nicht zufrieden damit, sie wollte mitten nach Deutschland. Sie wollte, daß sie von Deutschen umgeben war, denn, so war ihre Hoffnung, dann könnte ihr der Kommunismus nichts mehr anhaben. Ihr ist es dann auch geglückt, nach Württemberg zu kommen. Nun war sie von Deutschen umgeben! Ihr größter Wunsch ging in Erfüllung! Daß sie einem russischen Offizier mitten in Deutschland gegenüber stehen würde, hätte sie damals nicht für möglich gehalten.
Als ich drei DINA4 Doppelhefte vollgeschrieben hatte, schickte ich sie an Dr. Karl Stumpp. Es kam lange nichts. Ich dachte, jetzt hast du dich ordentlich blamiert. Doch dann kam ein Anruf: „Frau Däs, Sie sind der Grund einer schlaflosen Nacht. Ich kam gestern von einer Reise aus Amerika zurück und fand Ihre Hefte vor. Meine Frau warnte mich, sie war der Meinung, ich solle mich erst ausruhen, bevor ich in die Hefte schaue. Ich war jedoch neugierig und wollte nur mal spicken. Es blieb jedoch nicht beim Spicken. Ich kam davon nicht mehr los. Erst, als ich alle drei Hefte gelesen hatte, ging ich gegen Morgen zu Bett. Ich habe beim Lesen geweint und ich habe gelacht, ich habe mit Ihnen gebangt und freute mich, wenn Sie es mal wieder geschafft hatten. Liebe Frau Däs, machen Sie weiter. Schreiben Sie jede Kleinigkeit auf. Es ist so wichtig für unsere Volksgruppe, für unsere Kinder und Enkel. Die Einheimischen sollen von dem Schicksal der Deutschen in Rußland erfahren. Jede Kleinigkeit ist wichtig!“
Für mich war das ein Wunder! Dr. Karl Stumpp gab mir die Kraft weiterzuschreiben. Ich schrieb weiter. Als ich 10 DINA4 Doppelhefte voll hatte, war ich von meinen bösen Träumen, die mich immer noch heimsuchten, befreit. Ich träumte zu dieser Zeit oft, daß ich von russischen Panzern verfolgt würde. Sie kamen jedesmal aus einem Wald heraus, und ich lief schutzlos über eine Wiese. Meine Beine wurden immer schwerer, und die Panzer kamen immer näher. Wenn die Panzer mich fast hatten, besann ich mich darauf, daß ich ja fliegen konnte. Ich spurtete los und erhob mich in die Lüfte. Eigenartig war mein Flug schon, denn ich flog immer mit den Beinen voraus. Mit den Armen machte ich Schwimmbewegungen, als ob ich Rückenschwimmen würde. Ich näherte mich immer einem Abgrund, verlor an Höhe und drohte abzustürzen. Schweißgebadet erwachte ich jedesmal und fand dann keinen Schlaf mehr. Jetzt war ich frei! Ich schrieb mir alles von der Seele und war frei! frei! frei!
In meinem Leben gab es viele Menschen, die mir geholfen hatten. In Rußland, im Warthegau und in Deutschland. Jetzt wollte ich einen Teil der Hilfe, die ich erfahren durfte, anderen Menschen weitergeben. Ich setzte mich immer stärker in der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland ein. Das Ziel der Landsmannschaft war und ist, die Aussiedler auf den ersten Wegen in Deutschland zu begleiten.
Im Dezember 1966 kam eine Cousine meiner Mutter aus Sibirien. Das war ein Wunder. Sie kam aus Sibirien! Was das bedeutete, konnten nur die Rußlanddeutschen damals ermessen. Wir wußten von den Verbannten nur sehr wenig. Die Briefe wurden von der Kommandantur kontrolliert. Wir verstanden es, zwischen den Zeilen zu lesen. Briefe waren es, die zwischen Rußland und Deutschland hin und her gingen. Das große Suchen war voll im Gange. In jedem Brief stand der Satz: Weißt du nicht, wo der oder der ist?
Meine Tante war eine der ersten Heimkehrerinen, die zu ihrem Mann nach Deutschland zurückkam. Ihr Mann, Friedrich Ebert, diente damals noch in der deutschen Armee, kam in amerikanische Gefangenschaft und wurde nach Birkenlohe, wo meine Mutter lebte, entlassen.
Die Tante und der Onkel zogen zu uns nach Waiblingen, sie lebten 14 Jahre bei uns. In der Tante fand ich eine gute Quelle, die mir viel von der Verbannung 1941 nach Sibirien berichten konnte. Ich schrieb dann auch ihr Leben nieder in dem Buch: „Schicksalsjahre in Sibirien“. Sibirien, diese Wort war für uns Rußlanddeutsche immer ein Alptraum gewesen. Es lag den Menschen wie ein Sandsack im Genick. Alle duckten sich! Sie wurden zu einem willigen Werkzeug der Kommunisten. Aus Nachbarn, aus Freunden wurden Denunzianten.
Der Zement für die Festigung der Sowjetmacht war die Angst. Die Machenschaften der Kommunisten gingen bis in die Familien hinein. Mit falschen Anschuldigungen hofften diese verirrten Menschen der Verbannung nach Sibirien zu entgehen.
Meine Tante erzählte mir viel von diesem schrecklichen Land, von dem Land, in das mein Vater für 30 Jahre verbannt wurde. Haß, nein Haß fühle ich nicht. Vergessen kann ich jedoch auch nicht.
Mein erstes Buch „Wölfe und Sonnenblumen“ erschien 1968 im Signal Verlag, Baden Baden. Wölfe für das Böse, was ich erlebt habe und Sonnenblumen für das schöne in meinem Leben.
Als Kind empfindet man das harte Leben nicht so stark, wie es die Erwachsenen tun. Als Kind trägt man nicht die Verantwortung für die Familie. Für uns Kinder gab es auch schöne Tage. Die Zeiten, gute oder schlechte, sie prägen den Menschen, und ich glaube, mich hat die schlimme Zeit für mehr Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft geprägt.
Trotz alldem Schreckliche, das ich erleben mußte, ist mein Buch froh und heiter. Ich habe es so geschrieben, wie ich es erlebt habe. Der nachfolgende Band „Der Zug in die Freiheit“ erschien im Oetinger Verlag, Hamburg. Diese zwei Bücher umspannen zehn Jahre meines Lebens. Tausende und Abertausende Rußlanddeutscher hatten das gleiche Schicksal. Es ist schade, daß meine Mutter den Untergang der Kommunisten nicht miterleben durfte.
Was die Rußlanddeutsche jetzt in den GUS – Staaten erleben ist besonders schlimm. Sie sind diejenigen, die auch heute noch nach dem Zweiten Weltkrieg bitter bezahlen müssen. Die Tür darf nicht geschlossen werden! Die Tür muß offen bleiben! Es ist unsere Pflicht, den Aussiedlern bei der Eingliederung in ihre neuen Heimat behilflich zu sein.
Es ist wichtig, daß es die Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland gibt, nur, sie alleine genügt nicht! Die Aussiedler müssen sich besser ins Gemeindeleben einbinden lassen. Nicht abseits stehen! Die Jugend sollte sich den Sportvereinen oder den vielen anderen Vereinen anschließen. Wer im Verein ist, der wird schneller von den Einheimischen angenommen. Informiert sein, das ist das halbe Leben! Um informiert zu sein, muß man etwas tun, und dazu gehört das Lesen einer Tageszeitung. Nur die Nachrichten im Fernsehen anzuschauen, reicht bei weitem nicht aus.
Ich weiß, wovon ich spreche. Viele Jahre war für mich nur die Landsmannschaft wichtig. Meine ganze Freizeit habe ich in den Dienst meiner Landsleute gestellt. Das war auch so in Ordnung, nur- und das ist es, was ich damit sagen will- ich wurde keine vollwertige Waiblingerin. Ich blieb, obwohl ich schon 50 Jahre in Deutschland lebe und davon 41 Jahre in Waiblingen, Rußlanddeutsche. Ich blieb freiwillig Rußlanddeutsche, ich habe mich nicht einbinden lassen in einen anderen Verein, für mich war die Landsmannschaft das Wichtigste. Und das war falsch! Denn das eine schließt das andere nicht aus. Seit 15 Jahren bin ich in der Stadt aktiv, und Seither bin ich in das Gemeindeleben in Waiblingen integriert. Erst jetzt fühle ich mich als vollwertige Bürgerin Waiblingens.
Ohne Fleiß kein Preis! Dieses Sprichwort hat immer noch seine Gültigkeit. Deshalb möchte ich allen Aussiedlern den guten Rat geben: Schließt euch nicht in eure vier Wände ein. Geht in die Vereine, geht in die einheimischen Chöre, schließt Freundschaften mit Einheimischen. Ladet Arbeitskollegen zu euch ein. Erzählt von eurem Leben in der Verbannung, aus der ihr heute noch kommt!
Von uns und über uns reden, da war mir immer sehr wichtig. Inzwischen habe ich 7 Bücher geschrieben, in denen ich von Menschen aus Fleisch und Blut berichte. Das Buch, „Das Mädchen vor Fährhaus“ wird zur Zeit vom ZDF verfilmt und wird als Zweiteiler im Herbst 1995 gesendet.
In diesen Büchern erzähle ich vom Schicksal der Rußlanddeutschen, das uns alle etwas angeht. Denn: Wer keine Vergangenheit hat, der hat auch keine Zukunft.

Nelly Däs
Richard Wagnerstr. 36
71332 Waiblingen

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Eine Antwort zu Wie war es damals 1945

  1. halja80 schreibt:

    Ich hoffe das diesen Beitrag viele Jugendliche lesen, damit sie wissen wie es damals war.
    Wir waren damals auch Jung, hatten Träume, die sich leider nicht verwirklichen. wir mussten als erstes Deutschland aufbauen. Wir haben es geschafft und die Früchte dürfen wir jetzt mit einer keiner Rente ernten. Im Juli bekommen auch die damaligen, die heute über 80 Jahre sind 1% Erhöhung, das macht bei mir 3,16 Cent. Trotzdem (hohen) Betrag bin ich Zufrieden.

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